Tunesische Landschildkröte

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  Tunesische Landschildkröten

Leseranfrage im "Fachmagazin Schildkröte" Ausgabe 5/98, Schweiz 1999
mit freundlicher Genehmigung des Verlages


Regelmäßig erhalte ich Anrufe oder Korrespondenzen zur Haltungsproblematik von tunesischen Landschildkröten.
Die von A. C. Highfield als neue Art (Furculachelys nabeulensis) beschriebene Schildkröte aus der Umgebung von Nabeul / Tunesien wird seit ein paar Jahren öfters in Privathand gehalten. Diese dem nordafrikanischen Komplex der Maurischen Landschildkröte (Testudo graeca graeca) zuzuordnende Schildkröte hat sich als anspruchsvolles, aufwendig zu haltendes Tier erwiesen. Ist die natürliche Lebensweise derjenigen der Ägyptischen Landschildkröte (Testudo kleinmanni) ähnlich, Sommer mit Hitzeruhe, jedoch im Vergleich ein eher feuchter Winter mit kurzen Ruhephasen, wird dem Kenner die Problematik bewusst. Da die meisten Tiere den Touristenmärkten der tunesischen Feriendestinationen entstammen und oft schon stark dehydriert (ausgetrocknet) sind, ist ein Verlust vorprogrammiert. Obwohl der Handel in Tunesien verboten ist und auf den Flughäfen sogar darauf hingewiesen wird, haben sich die Händler darauf eingestellt und bieten meistens kleine Jungtiere zum Verkauf an, da diese besser im Reisegepäck zu verstauen sind. Diese sind in Bezug auf austrocknen zudem viel anfälliger. An eine Freilandhaltung wie bei der europ. Landschildkröte (Testudo hermanni) ist nicht zu denken. Eine Haltungweise der natürlichen Jahresrhythmik entsprechend, ein luxstarker Strahler (HQI, HQL) als zusätzliche Beleuchtung, ein Ultraschall- vernebler um die Morgentausituation zu erzeugen, so wie ein reiches pflanzliches Nahrungsangebot über die Winterszeit sind für die erfolgreiche Haltung unabdingbar.
Nachfolgend ist ein Leserbrief stellvertretend zu dieser Problematik abgedruckt:

 
Sehr geehrter Herr Hersche 

Herr H-J. G. aus München hat Sie mir empfohlen. Vielleicht können Sie mir weiterhelfen. Als Inhaberin eines Zoo-Fachgeschäftes erlebe ich es immer wieder einmal, dass mir auch illegal importierte Tiere überlassen werden, wenn die "Importeure" mit dieser Tierart nicht zurecht kommen. In diesem speziellen Fall handelt es sich um Testudo graeca graeca aus Tunesien. Die zwei Tiere wurden von Touristen "aus Mitleid" mitgebracht, da sie der Strand-Getränkeverkäufer schon eine Woche lang mit sich herumtrug (natürlich um sie zu verkaufen). Mittlerweile habe ich festgestellt, dass die gängige Literatur (Rogner, Kirsche, Nietzke, Rudloff) die nordafrikanischen Arten so gut wie gar nicht berücksichtigt. Da ich für diese "Illegalen" von meiner Behörde keine Vermarktungsgenehmigung erhalte und ich sie auch nicht in's Münchner Tierheim abschieben möchte, bin ich gezwungen, so viel Informationen wie möglich zu sammeln. Bei einem Gespräch mit Frau Dr. Kölle vom Zoolog. Institut erhielt ich einige Tips jedoch bleiben für mich immer noch einige Fragen offen. Leider weiss ich nicht, aus welcher tunesischen Region die Tiere stammen. Allerdings hat man mir u. a. auch mitgeteilt, dass sie von einem tunesischen Bazaar stammen könnten, also auch aus dem Landesinneren. Die beiden sind 5,5 cm und 6 cm klein, wogen 35 g und 40 g (mittlerweile 50 g und 52 g, 6 cm und 6,3 cm) und sind seit September 1998 in meiner Obhut. Vor allem mache ich mir Gedanken über folgende Punkte:

  • Welche Haltungstemperaturen sind zu welcher Jahreszeit empfehlenswert ? Das tunesische Klima unterscheidet sich doch um Einiges vom marokkanischen oder türkischen.
  • Welche Futterpflanzen finden die tunesischen Schildkröten ? Ich vermute eiweiß- und kohlenhydratarme und mineralstoffreiche Pflanzen. Eventuell besteht die Nahrung dort auch aus Sukkulenten ? Wenn die Tiere in Küstennähe leben, bringt der Meerwind sicher auch salzhaltige Luft (Natrium-, Jodgehalt der Nahrung?)
  • Wie ist es mit der Luftfeuchtigkeit ? Ich kann mir vorstellen, dass die eher höher liegt (60 - 70 % ? ).
  • Weiterhin denke ich, dass dort die Böden eher trocken sind, zumindest von April bis September. 
  • Halten die Tunesier einen regelrechten Winterschlaf oder vielleicht nur eine kurze Winterruhe mit stark verringerter Aktivität ?

Zur Zeit halte ich die Tiere bei einer Bodentagestemperatur von 26 °C. Unter einer HQL-Lampe hat es 35° - 38° C. Nachts hat es Zimmertemperatur von 20° - 22° C. Durch meine Pfeilgiftfrosch-Terrarien liegt die Luftfeuchtigkeit bei 55% - 70% im Terrarienraum. Ich habe den Schildkröten eine feuchte Terrarienhälfte angeboten. Dies wurde von ihnen eindeutig gemieden, bis das Substrat wieder trocken war. Zur Zeit bade ich die zwei alle 3 Tage in 30° C warmem Wasser mit leichtem Zusatz von jodhaltigem Kochsalz ( 1 gestr. Teel. auf 1 Liter Wasser). Das Futter sammle ich aus meinem Garten (Brunnenkresse, Löwenzahn, Klee, andere Unkräuter). Weiterhin erhalten sie eher  Gemüse, als Obst. Zusätzlich erhalten sie ein Vitaminpräparat (Nekton Rep) und gemahlene Sepiaschale über's Futter.
Meine bisherigen Informationen waren in Bezug auf die Überlebenschancen in Gefangenschaft eher negativ ("Die meisten sterben innerhalb der ersten drei Jahre.") Ich möchte alles dafür tun, dass die beiden bessere Chancen bei mir haben. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir bei meinem Problem weiterhelfen könnten. Evtl kennen Sie auch jemanden, der tunesische T. graeca graeca seit längerer Zeit pflegt oder mit ihnen sogar züchtet. Mir würde auch entsprechende Literatur weiterhelfen.

Herzlichen Dank im Voraus

Eva Knon, Eva's Tierparadies, D- München




Sehr geehrte Frau Knon

Beobachtungen an freilebenden Tieren haben gezeigt, dass die Tiere ausserhalb der heissen Jahreszeit (Juni-August), in welcher eine Trockenruhe abgehalten wird, mehr oder weniger ganzjährig aktiv sind. Während des tunesischen Winters können im Verbreitungsgebiet schon Nächte mit Temperaturen nahe der Frostgrenze gemessen werden. Um sich zu schützen, graben sich die Tiere in den Sand oder das Bodensubstrat ein. Scheint tagsüber die Sonne, kommen die Tiere jedoch wieder hervor. Um dies zu imitieren, ist eine Raumsituation mit teilweise tieferen Temperaturen notwendig, bei dem das Terrarium tagsüber mit einem HQI-Strahler für 3 - 5 Stunden etwas aufgeheizt wird. Im Sommer sind die Tiere durch konstant hohe Tagestemperaturen, lange Beleuchtung und trockenes, angewelktes Futter in die Sommerruhe zu zwingen. Ihr bestehendes Temperaturangebot entspricht etwa demjenigen vom Frühjahr und Herbst, also der Zeit, wo die Tiere stark im Wachstum begriffen sind.
In den Biotopen sind verschiedene Vertreter von der Trockenheit angepassten Pflanzen zu finden. Vor allem im Frühjahr bereichern verschiedene Blüten das Nahrungsangebot. Da noch zu wenig Daten bezüglich des Nährstoffgehaltes der Nahrung dieser Tiere greifbar sind, ist eine möglichst reichhaltige, abwechslungsreiche Nahrungspalette mit verschiedensten Grünpflanzen, Keimlingen, getrockneten Gräsern als Ballaststoff, Blüten und dergleichen angebracht, allerdings ohne die von Ihnen erwähnte Obstfütterung. Eine zusätzliche Vitaminisierung des Futters ist höchstens im Winter und nur sehr sparsam vorzusehen, da ein für die Bedürfnisse der Schildkröte abgestimmtes Produkt mit bekannter Wirkungsweise nicht erhältlich ist..
Die Schnupfenproblematik ist ein häufig anzutreffendes Problem bei den Vertretern der Nominatform der Maurischen Landschildkröte (Testudo graeca graeca). Die Haltungsfaktoren "Temperatur, Feuchtigkeit, Substrat" sind zu beachten.
Substrat: Die Tiere leben meist auf sandigem Boden. Dies bedeutet, dass das Substrat oberflächlich rasch abtrocknet (Gewitterregen, Morgentau), die Feuchtigkeit leicht versickert. Sand bildet ein relativ schlechtes Medium zur Entwicklung von Bakterienkulturen. Wird nun Erde, Rindenkompost oder ähnliches als Substrat verwendet, dies relativ feucht und warm gehalten, entwickeln sich die Bakterienkulturen vorzüglich, ein erhöhtes Infektionspotential ist vorhanden.
Feuchtigkeit: In der Terrarienhaltung stehen wir oft vor der Problematik, eine hohe Luftfeuchtigkeit zu erzeugen, ohne das gesamte Substrat zu durchnässen. Durch regelmäßiges Besprühen mit einem Handzerstäuber kann der Tau imitiert werden. Der bessere Effekt wird durch den Einsatz eines Befeuchters errreicht. Eine Ultraschall-Vernebler-Einheit ermöglicht uns, das Wasser in kleinsten Partikeln gezielt an die Luft abzugeben und somit die Luftfeuchtigkeit zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu erzeugen.
Temperatur: Die Temperierung der Behältnisse sollte über das Licht erfolgen. Einerseits entspricht das der natürlichen Gegebenheit (die Tiere "tanken" die Wärme an der besonnten Stelle), andererseits wird die Erkältungsgefahr auf ein Minimum reduziert. Ein HQI-Strahler (Halogenmetalldampf-Hochdruck-Strahler) mit tageslichtähnlichem Spektrum ermöglicht das Angebot von unterschiedlicher Helligkeit, Temperatur und Feuchtigkeit auf kleinstem Raum. Besteht kein Tageslichteinfluss, ist ein leistungsstarker Strahler von mindestens 250 W (150 W bei juvenilen Tieren) angebracht. Bei Tageslichteinfluss im Terrarium genügt ein 150-W-Strahler (70 W bei juvenilen Tieren). Die Lampe ist in der Höhe so anzubringen, dass die Bodentemperatur unmittelbar unter der Lampe 45°C erreicht.
Weiters hat die Erfahrung in der Haltung dieser ansprechenden Tiere gezeigt, dass eine konsequente Einzelhaltung der Männchen ratsam ist und die Tiere nur zur Paarung zusammengesetzt werden.
Ihren Brief habe ich an weitere Halter und Pflegerinnen weitergeleitet. Sie werden sich mit Ihnen in Verbindung setzen. Weitere Informationen können Sie der Arbeit über die Maurische Landschildkröte in Sardinien, die den tunesischen Tieren ähnlich ist, in der Ausgabe 1/99 der "Schildkröte" entnehmen.

Viel Erfolg wünscht Ihnen

Hans Hersche


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 Die Homepage wurde zuletzt aktualisiert am 26.10.2014    © E. K.